Wettbewerbsregion Thüringen

(12.05.2012)
P.T. Sonderausgabe 1/2012

Das kleine Land Thüringen hat eine große Geschichte. Bereits im 6. Jahrhundert gab es ein „Thüringerreich“. Aber erst 1400 Jahre später, im Jahr 1920, wurde ein „Land Thüringen“ gegründet. Mehrere Orte im Nordwesten Thüringens nehmen für sich in Anspruch, der exakte Mittelpunkt Deutschlands zu sein.

Die wirtschaftlichen Verwerfungen aus der Zeit der sozialistischen Zentralverwaltungswirtschaft und des Umbruchs zur sozialen Marktwirtschaft hat das Land inzwischen gut lösen können. Mit klarem Willen und starken Investitionen, mit Fleiß und Engagement, mit kaufmännischem Geschick und gesundem Risiko. Bei der Nutzung aller modernen wissenschaftlichen Methoden der Wirtschafts- und Landespolitik standen die Universitäten in Jena und Erfurt, die Hochschulen in Ilmenau und Weimar, die Fachhochschulen und Berufsakademien zur Verfügung.

Der Gaul, der den Karren zieht

Der Wettbewerb „Großer Preis des Mittelstandes“ wurde 1998 erstmals für Thüringen ausgeschrieben.
Der damalige Ministerpräsident Bernhard Vogel sagte zur Preisverleihung 1999 im Erfurter Kaisersaal „Manche halten den Unternehmer für eine Kuh, die man immerzu melken kann, manche sehen in ihm einen räudigen Wolf, den man totschlagen muss, und nur wenige erkennen in ihm den Gaul, der den Karren der Volkswirtschaft zieht. Ich bekenne, ich gehöre zu den Letzteren, darum bin ich hier!".

Mit dem Sonderpreis „Wirtschaftsförderer des Jahres“ wurde er im Jahr 2002 ausgezeichnet. Der spätere Vorstandsvorsitzende der Konrad-Adenauer-Stiftung ist der einzige Politiker Deutschlands, der Ministerpräsident zweier Länder war und wesentliche persönliche Verdienste daran hat, dass der Freistaat Thüringen nach der Wende 1989 den Anschluss an die soziale Marktwirtschaft gefunden hat.

Feste Tradition

Der „Große Preises des Mittelstandes“ hat in Thüringen feste Tradition. Die Wirtschaftsminister Franz Schuster, Jürgen Reinholz, Matthias Machnig waren Schirmherren. Im Präsidium der Oskar-Patzelt-Stiftung ist die Landtagspräsidentin a.D. Prof. Dagmar Schipanski tätig. André Kühne von der Handwerkskammer für Ostthüringen in Gera, Frank Heuer von der Technologieregion Jena, Steffen Körner aus Gotha und Rechtsanwalt Dr. Wolfgang Müller aus Suhl sind vor Ort als regionale Servicestellen oder Botschafter tätig.

Starke Firmen, starke Vorbilder

Thüringen hat starke Firmen, Vorbilder, die weit über ihre Region hinaus ausstrahlen. Allein aus Jena kommen zum Beispiel die nach der Wende gegründeten Preisträger und Finalisten VACOM Vakuum Komponenten & Messtechnik GmbH,  ASI Anlagen, Service, Instandhaltung GmbH, die Analytik Jena AG oder die Kontinent Spedition GmbH.

Weitere Preisträger der Vorjahre, die 2012 zum Premier nominiert wurden, sind zum Beispiel die  TMP Fenster + Türen GmbH aus Bad Langensalza, Königsee Implantate GmbH aus Aschau, Krieger und Schramm GmbH & Co. KG aus Dingelstädt, die traditionsreiche N. L. Chrestensen Erfurter Samen- und Pflanzenzucht GmbH, die GARANT Türen und Zargen GmbH aus Ichtershausen oder Medium Control Systeme Franke & Hagenest GmbH aus Altenburg. Unter den 132 Nominierungen für 2012 sind erneuerte Traditionsbetriebe wie die zur Eschenbach Porzellan Group gehörende Neue Porzellanfabrik Triptis GmbH oder die IL Metronic Sensortechnik GmbH aus Ilmenau.

Erste Biodieselanlage in Thüringen

Aus Bad Langensalza kommt auch die ADIB-Firmengruppe, die heute Produktionspartner für Pflanzenschutzspritzen in den Niederlanden, Tschechien, Rumänien und Dänemark ist, die erste Biodieselanlage in Thüringen aufstellt, als Absatzpartner für Fleisch- und Wurstwaren in Dubai tätig ist und Außendienstmitarbeiter in Frankreich, Irland und den Niederlanden hat. Als landwirtschaftlicher Betrieb ist ADIB Mittelstand im besten Sinne: 2006 mit dem „Großen Preis des Mittelstandes“ ausgezeichnet und 2012 zum Premier nominiert.

Aus dem Odenwald kommend eroberte NESTRO ab 1990 den Osten Deutschlands und bezog 1992 das heutige Firmengelände in Schkölen OT Hainchen (Thüringen). Es folgten Niederlassungen in Polen, Ungarn, der Ukraine und Rumänien, sowie Vertriebsbüros in Spanien, Frankreich, Litauen, Russland und Weißrussland.    

Berufsbildung ohne Grenzen

Zu welchen Beschäftigungswirkungen Existenzgründer fähig sind, zeigen die HBS Elektrobau GmbH aus Oettersdorf und die ASI Anlagen, Service, Instandhaltung GmbH aus Jena. In beiden Fällen wurde Anfang der 90er Jahre mit ein paar wenigen Mitarbeitern gestartet und heute beziehen jeweils mehrere hundert Familien ihren Lebensunterhalt aus der Arbeit bei diesen Preisträgern des „Großen Preises des Mittelstandes“.Regionale Initiativen vom Programm „Berufsbildung ohne Grenzen" bis zur Erhaltung der Lobdeburg oberhalb von Jena schätzen die Unterstützung der starken und engagierten Unternehmen.

Ein Segen für die Einwohner

Als sich der Oettersdorfer Dietmar Schindler 1991 selbstständig machte und 24 Mitarbeiter der Elektroabteilung eines abgewickelten VEB in seinem Heimatdorf vor der Arbeitslosigkeit bewahrte, ahnte niemand, welchen Segen das für das 900-Einwohner-Dorf bedeuten würde.     

Die 24 Beschäftigten sind noch heute bei der HBS Elektrobau GmbH und 350 weitere dazu. Davon wurden 120 bei HBS selbst ausgebildet. Die HBS-Erfolgsgeschichte beruht auf drei Säulen. Der differenzierten Kundenstruktur in den Kernkompetenzen, den hervorragend qualifizierten und motivierten Mitarbeitern und der eigenfinanzierten modernsten Ausrüstung an Maschinen, Mess- und Prüfmitteln und Werkzeugen.Partnerschaft mit Kunden, Lieferanten und Mitarbeitern ist das Markenzeichen der Firma.

Gegründet, verstaatlicht, reprivatisiert, modernisiert

1867 gründete der dänische Gärtnergehilfe Niels Lund Chrestensen in Erfurt einen Samen- und Pflanzenzuchtbetrieb und entfaltete rasch weltweite Aktivitäten. 1972 in der DDR verstaatlicht, gelang 1990 eine erfolgreiche Reprivatisierung. Nach Modernisierung und wirtschaftlicher Umgestaltung hat sich das Unternehmen wieder erfolgreich im Markt etabliert. Aktivitäten mit modernen Zuchtmethoden setzen sich heute mit In-Vitro-Zuchtverfahren fort. Das Unternehmen ist in allen wirtschaftlichen Bereichen bis hin zu ökologischem Anbau nach EU-Verordnungen zertifiziert und engagiert sich umfangreich vom lokalen Bündnis für Familie bis zum DIHK.

Das 12. Erfolgsgeheimnis

Der Thüringer ist ein stolzer Menschenschlag, der sich nie „ins Bockshorn jagen“ lässt. Er vertraut dem wichtigsten Instrument des Homo sapiens, dem gesunden Menschenverstand. In der Folge der Philosophen Fichte, Schelling und Hegel hat der „gesunde Menschenverstand“ in Deutschland lange keinen guten Ruf gehabt. Im angelsächsischen Sprachraum dagegen genießt die Bedeutung von ‚gesunder Menschenverstand’ als common sense durchgehend hohe Anerkennung.

Prinzip GMV: Gesunder Menschenverstand

Moderne Forschungen zum Beispiel von Gerd Gigerenzer am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin unterstützen heute einen gesunden Pragmatismus in der Urteilsfindung. Nicht zuletzt haben ja gerade die wissenschaftlichsten Modelle der Finanzwirtschaft die Weltfinanzkrise der letzten Jahre nicht verhindert, sondern befördert. Umso wichtiger ist die Rückbesinnung nicht nur auf grundlegende Werte menschlichen Zusammenwirkens, sondern auch auf den „gesunden Menschenverstand“ und die „Bauchentscheidungen“. Denn letztlich gilt heute wie vor Jahrhunderten: Wer Erfolg hat, hat recht.

(Foto: Wikimedia/CC2.5/André Karwath)

(Foto: ASI Jena)