Was 1996 geschah

(08.09.2011)

Der Erfolg des Vorjahres motivierte die Initiatoren. Im Folgejahr sollte der Wettbewerb auf ganz Sachsen und Sachsen-Anhalt ausgedehnt werden. So geschah es dann auch.

Die Regierungsbezirke Chemnitz und Dresden waren außerordentlich kooperationsbereit. Gleiches gilt für die damalige Regierungspräsidentin des Regierungsbezirks Halle, Ingrid Häussler. Sie arbeitete sogar selbst in der Jury für Sachsen-Anhalt und später im Kuratorium der Stiftung mit. Das passende „Geschenk“ für die erste Jurysitzung brachte Helfried Schmidt im Kofferraum seines Autos mit: Einen Wäschekorb, voll mit Wettbewerbsunterlagen nominierter Firmen aus den Regierungsbezirken Halle und Dessau.

Im Mai 1996 fand dann die zweite Preisverleihung statt. Das Grußwort, welches Ingrid Häussler damals im Leipziger Treff-Hotel an die Gäste richtete, hat bis zum heutigen Tag nichts an Aktualität eingebüßt:

„Wenn es um den Mittelstand geht, fällt mir ein leider allzu realistischer Spruch ein: Gerät ein 10.000-Mann-Unternehmen in Schwierigkeiten, kommt der Ministerpräsident oder sogar der Kanzler. Gerät ein 1.000-Mann-Unternehmen in Schwierigkeiten, kommen der Bürgermeister und der Banker. Gerät ein Mittelständler in Schwierigkeiten, kommt nur der Gerichtsvollzieher. Dass sich diese Situation ändert, dafür steht auch der ‚Große Preis des Mittelstandes‘­, den wir heute verleihen werden.“

Glanzvolle und Emotionale Atmosphäre

Rund 600 Gäste waren der Einladung ins damalige Treff-Hotel in Leipzig-Paunsdorf gefolgt, dass die Räumlichkeiten und das Büfett sponserte. Wie bereits im Vorjahr lief die Gala wie am Schnürchen. Der einzige Veranstaltungsprofi war der Moderator, der Entertainer Peter Degner. Bereits damals wurde die Vorstellung der Preisträger in Ansätzen dramaturgisch gestaltet. Dieses Prinzip wurde in den Folgejahren immer professioneller ausgebaut und bewirkt die außergewöhnliche, glanzvolle und zugleich emotionale Atmosphäre, die die Preisverleihungen „Großer Preis des Mittelstandes“ gegenüber anderen Veranstaltungen auszeichnet.

Am Vormittag der Preisverleihung fand das 1. Wirtschaftssymposium der Oskar-Patzelt-Stiftung unter dem Motto „Der Mittelstand am Wirtschaftsstandort Deutschland“ statt.

Eine besondere Verantwortung

Der „Große Preis des Mittelstandes“ war von Anfang an ein nützliches Instrument, mit dem der Mittelstand als Ganzes gewinnt, auch wenn stets nur wenige der Nominierten am Ende auf der Bühne ausgezeichnet werden können. Bei jeder Preisverleihung betont Stiftungsvorstand Helfried Schmidt die Worte, die Lothar Späth bereits 1996 fand: „Eigentlich hätte jeder Mittelständler einen ‚Großen Preis des Mittelstandes’ verdient.“ Insofern stehen die Ausgezeichneten nur stellvertretend für vieltausendfaches mittelständisches Engagement.

Sie tragen mit der etwa fünf bis sechs Kilogramm schweren Bronzeskulptur eine besondere Verantwortung mit nach Hause: Alles zu tun für ein Erstarken gesunder mittelständischer Wirtschaftsstrukturen und damit für Deutschlands Zukunft. Respekt und Achtung vor den Erfolgen des Wettbewerbers in der eigenen Branche, in der eigenen Region und auch darüber hinaus gehört zum Unternehmerleben dazu. Nicht jeder kann Preisträger werden, aber alle sind Gewinner des Wettbewerbs. Meistens trifft diese Botschaft des gegenseitigen Respekts auf offene Ohren. Doch es gibt auch andere Situationen.

Wie der Fuchs bei Äsop

Am Abend der zweiten Preisverleihung im Mai 1996, gegen 21:00 Uhr sprach ein Unternehmer aus Südwestsachsen bei Helfried Schmidt vor. Er hatte eine innovative Technik entwickelt und recycelte im eigenen Betrieb Abfälle zu neuen Rohstoffen für die Bauindustrie. Der Mann war von seiner Kommune zur Auszeichnung nominiert worden, aber leer ausgegangen.

Er war davon überzeugt, dass die Juroren oberflächlich gearbeitet hätten. Mit bitteren Worten beschwerte er sich bei Helfried Schmidt und forderte die Unterlagen zurück, die er für die Jury erarbeitet hatte. In diesem Ausnahmefall erhielt der Unternehmer natürlich seine Unterlagen zurück. Auch später gab es immer wieder mal Fälle mangelnden Sportsgeistes. Enttäuschte, die sich wie der Fuchs in der griechischen Fabel von Äsop verhielten: Anstatt zuzugeben, dass die Trauben zu hoch hängen, reagieren sie verächtlich und nennen sie „sauer“. Statt den Anderen zu achten, wie sie von ihm geachtet werden wollen, schelten sie den Wettbewerb, der sie
nicht selbst auszeichnet.

Im Regelfall archiviert die Oskar-Patzelt-Stiftung die Unterlagen der nominierten Unternehmen. Für das Verpacken und Zurücksenden mehrerer hundert Firmenunterlagen jährlich hat die ehrenamtlich arbeitende Initiative gar keine Kapazitäten zur Verfügung. Im Archiv stehen mittlerweile etwa 50 laufende Meter Unterlagen zu erfolgreichen mittelständischen Unternehmensentwicklungen. Das ist ein wahrer Schatz für wirtschaftswissenschaftliche Auswertungen.

 

Was 1996 noch geschah
  • Wissenschaftliche Sensation: Das erste geklonte Säugetier, das walisische Schaf Dolly wird geboren. Streng genommen handelt es sich bei Dolly nicht um einen richtigen Klon, da die Gene der Mitochondrien (Endosymbiontentheorie) nicht vom Spendertier, sondern von den Eizellen mit übernommen.
  • Die EU Europäische Union beschließt ein Exportverbot für Rindfleisch aus Großbritannien, nachdem dort eingeräumt worden war, dass die im Lande grassierende BSE-Tierseuche („Rinderwahnsinn“) durch Verzehr des Rindfleischs auf Menschen übertragen werden könne.

 

 

Werner Lorenz, Geschäftsführer, Reisewitz Beschichtungsges. mbH Preisträger 1996 „Großer Preis des Mittelstandes“