Wanted: Rundum erfolgreich

(06.09.2013)
Der „Große Preis des Mittelstandes“ bewertet ein Unternehmen in seiner ­Gesamtheit und zugleich in seiner Rolle innerhalb der Gesellschaft

Jedes Jahr stehen rund 100 Juroren der Oskar-Patzelt-Stiftung vor der Frage: Welche Unternehmen sollen als Finalist oder Preisträger beim „Großen Preis des Mittelstandes“ ausgezeichnet werden? Da der Wettbewerb die Vielfalt des Mittelstandes vom Bäckereibetrieb bis zum forschenden Hightech-Unternehmen erfasst, ist das jedes Jahr aufs Neue eine Herausforderung.
 
Beim „Großen Preis des Mittelstandes“ liegt der Schlüssel zur Kompliziertheit der Bewertung in maximaler Einfachheit mit wenigen Kriterien. Und zwar mit genau fünf.

1. Gesamtentwicklung des Unternehmens
2. Schaffung/Sicherung von Arbeits- und Ausbildungsplätzen
3. Modernisierung und Innovation
4. Engagement in der Region
5. Service und Kundennähe, Marketing.

Diese fünf Kriterien, ergänzt durch die Unternehmensbiographie, haben sich seit fast zwanzig Jahren bis heute ohne wesentliche Änderungen bewährt. Alle Kriterien müssen gleichzeitig erfüllt werden. Insofern ist jedes einzelne zugleich ein Ausschlusskriterium.

Gesamtentwicklung des Unternehmens

Das erste Kriterium fragt nach der „Gesamtentwicklung des Unternehmens“. Bei Umsatz und Gewinn wird dort ein Aufwärtstrend erwartet. Selbst, wenn ganze Branchen kranken, gibt es immer Marktführer, deren Umsatz- und Gewinnzahlen sich gegen den Trend positiv entwickeln. Diese galt es zu finden, bekannt zu machen, zu stabilisieren. Von diesen galt es zu lernen. Denn Unternehmen, die schon bei Umsatz, Gewinn und Kapital scheitern, können dauerhaft weder Arbeitsplätze schaffen noch regionales Engagement schultern.

Neben der Umsatzentwicklung, der Ertragsentwicklung, der Eigenkapitalentwicklung und der Investitionsentwicklung werden hier folgende Fakten erhoben: In welchen Bereichen verfügt das  Unternehmen regional, national oder international über Alleinstellungsvorteile, über Markt-, Innovations- oder Kostenführerschaften? Was sind Ihre Kernkompetenzen? Welche Auszeichnungen/Ehrungen konnten schon errungen werden? Was sind die wichtigsten Kooperationspartner in Wissenschaft, Forschung, Organisation, Produktion, Absatz, etc. Gibt es ein etabliertes Risiko- und Qualitätsmanagement? Gibt es Notfall- und Ausfallpläne? Werden Risikoszenarien in Ihrem Unternehmen durchgespielt?

Arbeit und Ausbildung

Das zweite Kriterium „Schaffung und Sicherung von Arbeits- und Ausbildungsplätzen“ entspricht gerade der mittelständischen Unternehmenswirklichkeit.
 
In Handwerk, Dienstleistung, mittelständischem Einzelhandel und mittlerer Produktion gibt es keine Entwicklung ohne Beschäftigungswirkung. Die Beschäftigungswirkung jedes Umsatz-Euro ist im Mittelstand doppelt so hoch wie bei Großbetrieben und zehnmal so hoch wie in Staatsbetrieben.  Jede Inves­tition und jeder Auftrag bewirkt also um ein Mehrfaches höhere Beschäftigung als bei der kapitalintensiven industriellen Großproduktion.

Mittelstand ist ohne Beschäftigungswirkung undenkbar. Ein erfolgreicher Immobilien- oder Börsenspekulant, der Millionenumsätze und -gewinne generiert, dafür aber außer einer Sekretärin keine Arbeitsplätze braucht, verletzt dieses zweite Kriterium. Er wird nie einen „Großen Preis des Mittelstandes“ erhalten. 
 
Die Oskar-Patzelt-Stiftung nahm damit bereits 1994 Diskussionen vorweg, die im Jahre 2004 unter der Überschrift „Gesetzliche Ausbildungsabgabe oder Ausbildungspakt“ wochenlang die Medien beschäftigten und die heute mit dem prognostizierten Fachkräftemangel erneut Aktualität und Relevanz erfahren.

Neben der Arbeitskräfte- und Ausbildungsentwicklung wird nach Konzepten und Maßnahmen für die  Weiterbildung gefragt, nach Maßnahmen zur Unternehmensbindung (Mitarbeiterbegeisterung, Sinn bieten, Unternehmenskultur,  Wertschätzung, Mitarbeiter als Mitunternehmer, Familienfreundlichkeit etc.) und zur Führungskultur. 

Innovation und Modernisierung

Beim Kriterium „Innovation und Modernisierung“ geht es darum, ob ein Unternehmen mit dem wissenschaftlich-technischen Fortschritt seiner Branche Schritt hält.
 
Entwicklungsunternehmen haben hier vielleicht eigene Patente vorzuweisen, metallbearbeitende Unternehmen müssen in neueste Maschinen investieren und ihre Mitarbeiter daran ständig weiterqualifizieren. Ein Handwerksbetrieb hat darauf zu achten, dass er von Werkzeug und Technik bis zur Organisation und Buchhaltung auf dem aktuellsten Stand ist. Jeder Zeitverlust, jedes Ausruhen auf Erreichtem kann dem Unternehmen in den nächsten Jahren das Genick brechen.
 
Die wissenschaftlich-technische Entwicklung vollzieht sich in atemberaubendem Tempo. Sie erzwingt unternehmerische Entscheidungen weitgehend unbemerkt von der Öffentlichkeit. Innovationsschübe erzeugen einen Marktdruck, an dem Unternehmen wachsen oder brechen können. Mit dem Siegeszug der Handys wurden öffentliche Telefonzellen überflüssig, serienmäßiges satellitengestütztes GPS in Autos war der Todesstoß für die klassische Straßenkartenproduktion.

Wenn der Innovationsschub „zu zeitig“ kommt

Wer kurz vor einem solchen technologischen Umbruch in „alte“ Technologie investiert hatte, dem kann man keinen Vorwurf machen. Der aktuelle Stand der Technik und die ganze Existenz wurde in die Waagschale geworfen und – falls ein Innovationsschub „zu zeitig“ kam, verloren. Als der technische Umbruch offenbar wurde, waren die den Banken als Sicherheit übereigneten Maschinen bereits veraltet. Sie konnten nur noch zu Schleuderpreisen veräußert werden.
 
Solche rasanten Umbrüche sind zwar nicht die Regel. Doch wer den Anschluss an die technische Entwicklung verliert, wird früher oder später aus dem Markt ausscheiden. Und dieses Schicksal sollten Ausgezeichnete beim „Großen Preis des Mittelstandes“ nach Möglichkeit nicht teilen. Deshalb kommt dem Preiskriterium „Innovation und Modernisierung“ eine besondere Bedeutung innerhalb der fünf Preiskriterien zu.

Engagement in der Region

Mittelständler sichern bereits über ihre Beschäftigungswirkung den sozialen Frieden. Mittelständische Unternehmer sind häufig auch persönlich in hohem Maße engagiert. Als  Handelsrichter an den Gerichten, in vielfältigen Vereinigungen von den Arbeitgeberverbänden bis zu Stadtparlamenten. Wenn der Bürgermeister für soziale oder kulturelle Aufgaben Unterstützung braucht, kann er sich auf „seine“ Mittelständler verlassen.

Wenn das örtliche Bauunternehmen die Volleyballmannschaft der Schule nicht sponsern würde, hätten die keine einheitliche Sportbekleidung. All diese Aufgaben fasst die Oskar-Patzelt-Stiftung in dem Kriterium „Engagement in der Region“ zusammen. Wer hier nichts vorzuweisen hat, der hat diesen Preis nicht verdient! Vor allem mit diesem Kriterium unterscheidet sich der  „Große Preis des Mittelstandes“ fundamental von anderen Wettbewerben.
 
Dort geht es meist entweder um betriebswirtschaftliche Kennziffern, ohne dass das gesellschaftliche Umfeld berücksichtigt wird, oder nur um das Engagement, ohne zu sehen, ob das Unternehmen tatsächlich dauerhaft die damit übernommenen Verpflichtungen erfüllen kann.

Es gibt Dutzende Wettbewerbe, die nur Innovationen bewerten oder nur die Frauenfreundlichkeit, nur Ausbildungsaktivitäten oder nur Hochschulkooperationen. Der „Große Preis des Mittelstandes“ bindet all diese Perspektiven zusammen und schafft ein Gesamtbild des Unternehmens.

Punktgenaue Analysen

Im Detail wird zum Beispiel gefragt: Wie engagiert sich das Unternehmen bei Schülern und Studenten, in Berufsschulen, Haupt- und Realschulen und Gymnasien, an Studieneinrichtungen und Berufsakademien, in Prüfungsausschüssen der Kammern und regionalen Arbeitskreisen? Wichtige Veranstaltungen, Kooperationen, Services, Sponsoringaktivitäten? Wie engagiert sich das Unternehmen im Bereich Soziales und Gesundheit, Sport und Kultur, Denkmals- und Naturschutz? Wo sind Führungskräfte und Mitarbeiter außerhalb des Unternehmens in ehrenamtlichen Positionen tätig, zum Beispiel als  Abgeordnete, Aufsichtsrats-/Vorstands-/Kuratoriumsarbeit, ehrenamtlichen Wahl- und Führungsfunktionen in Kammern und Verbänden.

Service, Kundennähe, Marketing

Jährlich geben in Deutschland Hunderttausende Firmen wieder auf. In den allermeisten Fällen liefen die Geschäfte zuvor halbwegs ordentlich. Aber irgendwie kam die ausreichende Zahl dauerhafter Kunden und Aufträge nicht zustande, obwohl die Kosten weiterliefen.
 
Das kann individuell viele verschiedene Gründe haben. Eine Ursache kann sein, dass dem Service zu wenig Bedeutung beigemessen wurde: Wie viel Service bietet das Unternehmen? Wie kundennah arbeitet es? Wie persönlich kennt es seinen eigenen Markt und nimmt zeitnah dessen Veränderungen und Entwicklungen wahr? Kurzum – wie betreibt es sein Marketing?
 
Über diese Aspekte müssen Unternehmen im fünften Kriterium Auskunft geben. Die Juroren wollen ein durchdachtes Konzept sehen, das Hand und Fuß hat. Sie wollen ausschließen, ein Unternehmen auszuzeichnen, das eher zufällig auf einer Erfolgswelle schwimmt und plötzlich von Marktveränderungen überrollt werden könnte, weil es kein griffiges Marketingkonzept hat.

Gebündelte Kompetenz

Es geht beim „Großen Preis des Mittelstandes“ eben nicht nur um betriebswirtschaftliche oder Beschäftigungskriterien, nicht nur um Marketing- oder Innovationsfragen. Das Bündel der fünf Kriterien umreißt die gesellschaftliche Rolle der kleinen und mittleren Unternehmen insgesamt und branchenübergreifend, unabhängig von konkreten Eigentums- oder Rechtsformen.

Kurt Biedenkopf schloss seine Ansprache 1995 deshalb mit folgenden Worten: „Ich wünsche uns allen die in diesem Preis zum Ausdruck kommende wachsende Leistungsfähigkeit unseres Mittelstandes. Denn [unser Land, d. R.]  wird nur gedeihen, … wenn viele, viele Menschen im Land bereit sind, sich selbständig zu machen, etwas zu unternehmen, etwas, was man fördern kann von Staats wegen, und was man auszeichnen kann durch den ‚Großen Preis des Mittelstandes‘.“

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