Rasier-Pinsel „aus’m Arzgebirg“ beeindrucken „impulse“

(01.07.2015)

(dr) Vor wenigen Jahren dünnten deutsche Großverlage ihre Businesstitel aus. Mit ihnen ließ sich ungenügend Profit machen. Bei Gruner und Jahr fiel das Monatsmagazin „impulse“ der Säuberung zum Opfer. Es wurde an seinen Chefredakteur Dr. Nikolaus Förster verkauft, der damit vom Journalisten zum Unternehmer wurde und seither „nicht mehr so ruhig schlafen kann“ wie zur Zeit der einfachen Festanstellung als Arbeitnehmer. Die eigentlich sehr beliebte – aber wirtschaftlich müde - Financial Times Deutschland wurde einfach eingestellt. Der Haufe-Verlag stellte „ProFirma“ ersatzlos ein. „Wirtschaft & Markt“, das Magazin der Unternehmerverbände Ostdeutschlands und Berlins, ging pleite.

Helfried Schmidt traf Nikolaus Förster in Berlin am 25. Juni 2015 zum DEUTSCHES INDUSTRIEFORUM „Spitze bleiben“. Es ging um Rahmenbedingungen für Start-ups und Zukunftssicherung für Familienunternehmen der verarbeitenden Industrie. Schmidt und Förster gehörten zu den Gruß-Rednern der von Ulf Leonhard (Leonhard Ventures) bei Röver Brönner Susat Mazars organisierten Kick-off-Veranstaltung des Forums. Weitere Grußredner waren Nicolas Zimmer, Vorsitzender des Vorstandes der Technologiestiftung Berlin und Dr. Andre Moll, Geschäftsführendes Vorstandsmitglied des Ludwig Erhard Preis.

Nikolaus Förster hatte die neue „impulse“ in der Hand, in der mehrere Unternehmen redaktionell verarbeitet waren, die zum Netzwerk der Besten im Wettbewerb „Großer Preis des Mittelstandes“ gehören: Spaleck-Gruppe (Finalist 2013), Hans-Jürgen Müller (Mühle Rasierpinsel, Finalist 2014), Glashütte Lamberts Waldsassen (mehrfach nominiert), Berliner Volksbank (Bank des Jahres 2004), Acsys Lasertechnik (Preisträger 2014).

Impulse ist beeindruckt und widmet der Firma seine doppelseitige Rubrik „Warenprobe“: „Zu DDR-Zeiten wurde die Firma (Hans-Jürgen Müller aus dem erzgebirgischen Stützengrün, d.R.) enteignet, heute produzieren Müllers Enkel Andreas und Christian sowie ihre 55 Mitarbeiter mehr als eine Million Rasierpinsel jährlich.“ 100.000 davon werden in Handarbeit hergestellt. In „mehrjähriger Arbeit wurde eine Fasermischung entwickelt, die die hervorragenden Eigenschaften von Dachshaar – wie Weichheit, Wasseraufnahme und Stabilität – erreichte und eine hohe Beständigkeit beim Gebrauch aufweist. Diese synthetische Faser übertrifft in Bezug auf ihre Gebrauchseigenschaften das Naturmaterial und wird seit 2011 angeboten.  Der gelungene Wiederaufbau der Marke und die Übernahme der Marktführerschaft in der Branche ist ein Meilenstein in der Entwicklung des Unternehmens. In den letzten fünf Jahren konnte der Umsatz verdoppelt werden.“ so die Laudatio zur Finalistenauszeichnung.

Unternehmer „aus’m Arzgebirg“ bringt eben so schnell nichts aus der Spur. Grund dafür sind die Menschen. Der Bürgermeister von Stützengrün zum Beispiel, Volkmar Viehweg, ist ein PR-Profi. Er war jahrelang „der Öffentlichkeits- und Pressemann“ der Erzgebirgssparkasse. Mit einem Vorgängerinstitut, der Sparkasse Aue-Schwarzenberg, holte er 2007 den Titel „Bank des Jahres“ und 2011 den Titel „Premier-Bank“ im Wettbewerb „Großer Preis des Mittelstandes“.

Sie haben noch nie was von Stützengrün gehört? Das ist ein Fehler, glauben Sie mir. Im Jahr 1878 besuchte ein gewisser Carl Benz aus Mannheim den Schlosser Louis Tuchscherer dort in der Nähe. Dieser hatte eine „Kutsche ohne Pferde“ erfunden. Aber er hatte kein Geld, keine Kontakte. Er war der Spinner. Fünf Jahre später baute Benz seinen eigenen Motorwagen und gilt seither als Konstrukteur des ersten deutschen Automobils. Wer weiß, welche Entwicklung das Erzgebirge genommen hätte, hätte Tuchscherer „aus’m Arzgebirg“ hinreichend Unterstützung gehabt.

Dennoch hat das Erzgebirge eine „industrial heritage“, ein unternehmerisches Kulturerbe, und nahm nach der Wiedervereinigung wieder eine positive Entwicklung auf. Sogar ohne strukturbestimmende Großindustrie. Dank Leuten wie Müller und Viehweg.

(Quelle: Mühle)

(Quelle: Mühle)